Pressefoto Harald Grill © Georg Willmerdinger

 

Hinter drei Sonnenaufgängen eine andere Welt

Eine Reise durch den Balkan bis Odessa und zurück

Erster Sonnenaufgang: Wald in der Oberpfalz. Der Kofferraum ist voll. Ich wünsche mir und meinem Auto alles Gute, denn ich weiß nicht, ob es die rund 8.000 Kilometer, die ich ihm abverlangen werde, ohne Probleme schaffen wird. Immerhin hat es schon 200 000 Kilometer auf dem Buckel.

Ich breche auf in den Balkan, werde Rumänien, Bulgarien, Odessa und die europäische Türkei mit einem Abstecher nach Nordgriechenland besuchen. Dabei werde ich Material sammeln für eine Radiosendung und ein Buch, ein Reisejournal...

Leseprobe 1

Mitten im Dorf Măceşu de Jos ein Menschenauflauf. Hinter einer Art Altartisch drei Popen in bestickten Brokat-Messgewändern und ein Mann, der eine Schärpe mit den rumänischen Nationalfarben trägt. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ein Denkmal, an die fünf Meter hoch, verhüllt von einem weißen Tuch.
„Für wen ist denn das Denkmal?“, frage ich eine Frau, die wie viele andere ein Kopftuch trägt. Sie zuckt die Achseln, deutet auf eine andere Frau, naja, eine „Dame“ vor ihr: In ihrem pinkfarbenen Hosenanzug wirkt sie moderner, vornehmer, weltläufiger, vielleicht eine Lehrerin oder gar die Frau vom Bürgermeister. Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse am Denkmal. Ich frage sie auf Englisch, ich flüstere, um sie nicht zu stören: „Wer bekommt denn hier ein Denkmal?“
„Unsere Helden“, antwortet sie.
„Welche Helden?“
„Die vom Krieg.“
„Es ist doch lange kein Krieg mehr in Rumänien gewesen.“
„Die vom Zweiten Weltkrieg!“
„Aber da gibt es doch schon so viele Denkmäler.“
„Aber nicht für die Helden in unserem Dorf.“
Aus den Lautsprechern, die an den Strommasten entlang der Straße befestigt sind, schmettert pathetische Musik. Vielleicht die Nationalhymne. Der mit der Schärpe mit den rumänischen Nationalfarben muss der Bürgermeister sein. Er ergreift das Mikrophon. Die Musik hört auf. Er spricht zum Volk. Auf einmal hält er inne und geht, nein, er schreitet auf das Denkmal zu. Die drei Popen folgen ihm. Er bleibt stehen. Die Popen umkreisen das verhüllte Denkmal und schwingen ihre Weihrauchkessel. Endlich zieht der Schärpenmann an der Schnur. Das Tuch fällt. Die Musik setzt wieder ein. Zum Vorschein kommt ein kleiner weißer Adler - viel zu winzig für die große Feier. Und viel zu winzig für die wuchtige Säule. Ein Dorfadler halt.

In Bechet zweigt im rechten Winkel eine pfeilkerzengerade Straße zur Donau hin ab. Der Ort hat eine lange Tradition für Donauüberquerungen und spielte wirtschaftlich und militärisch während der Unabhängigkeitskriege gegen die Türken eine wichtige Rolle.
Nachdem ich das Fährticket gekauft habe, muss ich durch die rumänische Grenzkontrolle. Ein einzelner, gelangweilter Grenzpolizist bittet mich den Kofferraum zu öffnen.
„Privat?“
„Yes, Holidays.“
Alles erledigt, er musste nur zeigen, dass er hier nicht ganz überflüssig ist.
Während ich auf die Fähre warte, komme ich mit einem Fernfahrer ins Gespräch. Er schimpft ununterbrochen vor sich hin.
„Was ist los?“, frag ich ihn.
„Das ist nicht mehr aufzuhalten! Jetzt fahre ich schon 35 Jahre für meine Spedition. Seit wir die EU hier haben, wird es jedes Jahr schlimmer. Die nehmen einen aus, wo sie nur können!“
„Wie - ausnehmen?“, frag ich irritiert.
„Schmiergeld! In Ungarn geht es los, dann an jeder Grenze weiter.“
„Und wie schaut das konkret aus?“
„Da will einer das Fahrtenbuch sehen und blättert es durch. Finden kannst du immer was. Der hier hat dauernd den Kopf geschüttelt und wollte dann 10.000 Euro! Hab ich gesagt: ‘Leck mich am Arsch, zwanzig kannste haben!‘ Hat er die zwanzig genommen, aus! Aber das geht nicht immer so glatt. Die können dich schlimm schikanieren… Ich fahr die Strecke einfach nicht mehr. Keine Lust mehr!“
„Wo müssen Sie hin?“
„Türkei. Hab mir Fracht besorgt, weil der Motor von meinem LKW überholt werden muss. Das kostet mich in Stuttgart über 30.000 Euro und bei den Türken höchstens 5.000. Dann nehm ich wieder Fracht mit nach Hause!“
„Na, da kannst du das Schmiergeld ja locker zahlen“, sage ich und zwinkere, damit der merkt, dass ich gefrotzelt habe.
„Kannst mich gern haben!“, sagt er, haut mich auf den Buckel, wendet sich seinem Lastwagen zu, weil die Fähre anlegt.
Neben 15 Fernlastern finden ein paar PKWs drauf Platz. Während der Überfahrt unterhalte ich mich mit dem Fahrer eines Kleinbusses, der spricht recht flüssig Deutsch, stammt aber aus der Türkei, ein Türke, der eine Holländerin geheiratet hat und in Holland Autohändler ist, ein türkischer Holländer, ein holländischer Türke. Im Sommer fahren sie in den Urlaub in die Türkei, damit der Bub wenigstens einmal im Jahr seine Großeltern sieht und bei den Kindern dort ein bisschen Türkisch mitbekommt.
Neben uns steht ein türkischer LKW-Fahrer. Ich will ihn was fragen. Der türkische Holländer wird mein Dolmetscher.
„Er kommt aus Dänemark und will morgen in Istanbul sein.
„Und dann ein paar Tage Pause, stimmt‘s?“
„Von wegen: abladen, aufladen und dann sofort wieder nach Dänemark!“
„Wahnsinn, wie viele freie Wochen bleiben denn im Jahr für die Familie?“
Er überlegt und sagt dann, als wolle er mich beruhigen: „Alles in allem – ja, da kommen schon fast drei Wochen zusammen“.

Am anderen Donauufer im bulgarischen Orjachowo angekommen, mache ich mich auf die Suche nach dem Iskar, einem Nebenfluss der Donau, der bis Sofia mein Begleiter sein soll. Er entspringt im Rila-Gebirge, fließt durch die Hochebene der Landeshauptstadt und frisst sich dann durch das Balkan-Gebirge. Seine Mündung liegt zwischen Orjachowo und Nikopol, wo ich die Donau nach meinem Streifzug durch Bulgarien wieder in Richtung Rumänien überqueren will. Nach zwei Stunden erkenne ich die Konturen des Gebirges am Horizont.
Am Abend erreiche ich die Stadt Vratsa am Nordrand der Balkanberge. Es kühlt etwas ab. Hunderte von Menschen sitzen in den Straßenrestaurants oder flanieren durch die ausgedehnte Fußgängerzone bis zum großzügigen Botev-Platz mit einem gigantischen Monument – hoch und breit wie der Turm einer Dorfkirche. Es ist dem Dichter und Freiheitskämpfer Christo Botev gewidmet. Ich unterhalte mich auf englisch mit einem jungen Paar, das bei mir am Tisch sitzt.
„Ist der Botev wirklich so bedeutend?“
Sie: „Er hat 1876, zwei Jahre vor der Erlangung der Selbständigkeit Bulgariens, mit 200 Gefährten den österreichischen Donau-Raddampfer Radetzky nach Kosloduij entführt.“
Er: „Christo Botev wollte den Widerstand gegen die Osmanen anzuheizen.“
Sie: „Ein paar Tage später wurde er hier bei Vratsa erschossen. Jedes Jahr an seinem Todestag, dem 2. Juni, heulen um 12 Uhr mittags ihm zu Ehren eine Minute lang in ganz Bulgarien die Sirenen."
„Heutzutage nennt man so jemanden einen Terroristen.“ Da bin ich aber in ein Fettnäpfchen getreten.
Die beiden sind entsetzt.
Sie: „Das ist doch was ganz anderes!“
Er: „Das geht es um die bulgarische Nation, um unser Volk! Wir waren immerhin 500 Jahre von den Osmanen besetzt.“
Ich erinnere sie an die Palästinenser und an das Kurdenproblem. Aber ich habe keine Chance gegen die beiden.
ER: „Man darf doch das nicht alles in einen Topf werfen. Schließlich haben wir eine historische Legitimation. Das Land gehört unserem Volk seit eh und je. Wir lassen es nicht zu, dass Fremde über uns herrschen – nicht die Türken und nicht die Russen!
Sie: „Ja. wir lieben unser Land über alles!“
Da nähert sich ein Brautpaar mit der Hochzeitsgesellschaft dem Freiheitshelden, als wolle es die Lebensgemeinschaft unter seiner Zeugenschaft besiegeln – zum Wohle der Nation. Die Leute, wirken winzig klein vor Botevs Größe.
Auf einmal schäme ich mich, weil ich mich gestern in Măceşu de Jos über die Einweihung des Kriegerdenkmals mit dem Zwergerl-Adler lustig gemacht habe. Offenbart es nicht, wenn auch ungewollt, die Trauer am Zugrundegehen von Menschen, ganz gleich für welches höhere Ziel, viel stärker als die pathetisch aufgeblasenen Heldendenkmäler. Ohne Überhöhung, einfach nur durch die Diskrepanz zwischen dem großen Granitsockel, der die Namen von rund vierzig Gefallenen aus Familien des Dorfes trägt. Der Adler, als weißer „Vogel Schmerz“, der die Trauer über die vierzig Gefallenen des Dorfes sichtbar macht. Mitten im Dorf ein weißer Schatten auf dem Röntgenschirm der Geschichte.

Spaziergang durch die Stadt. Wie ein Leseanfänger übertrage ich einzeln buchstabie-rend die kyrillischen Buchstaben im Kopf – B – I – C – H – E – C – und setze sie wieder zusammen. Auf einmal muss ich lachen, ein Aha-Erlebnis, alle Buchstaben zusammen heißen: BUSINESS. Sowas nennt man Lesen lernen und ist verwandt mit dem Lesen einer Landschaft, mit dem Kartenlesen, mit dem Versuch Übersicht zu gewinnen.
Ladenschlusszeiten sind den Leuten hier fremd. Abends beginne ich im Lebensmittelladen mit dem Bulgarisch-Lernen: dober den heißt Guten Tag, dobra vecer: Guten Abend, molja heißt bitte, ja, und danke heißt: merci oder blagodarja. Ich glaub, mir reicht merci...

Leseprobe 2

Großau bei Hermannstadt. Rechts und links der Straße eingeschossige Häuser mit bunten Fassaden, Giebel neben Giebel säumen sie die Straße. Die Kirchenburg macht sich gleich neben der Zibin-Brücke breit. Aber es ist gar nicht so einfach, den Eingang zu finden. Das war ja der Trick: Man wollte sich ja gegen die Osmanen verschanzen. Ich umkreise das von einer hohen Mauer und einem Wehrturm bewachte Kirchengelände. Es gibt mehrere Türen. Keine Ahnung wohin sie führen. Sie sind alle verschlossen. Ich solle nach Frau Maria fragen, hat Herr Rosinger gesagt. Weit und breit niemand zu sehen. Gott sei Dank habe ich ihre Telefonnummer… „Frau Maria, bitte stehen Sie mir bei, ich finde nicht hinein in Ihre Burg.“ „Der Eingang ist gleich neben der Post!“, sagt sie. Tja, wo ist die Post? Bald entdecke ich einen kleinen Laden mit einem Briefkasten neben der Tür, drüber das Schild poștă. Verschlossen. Neben dem Laden eine weitere Tür. Die ist nur angelehnt. Ich trete ein und treffe auf einen Mann. Er zuckt die Achseln. Da kommt auch schon die Frau Maria. „Das ist mein Mann“, sagt sie, „er spricht nur Rumänisch. Wir müssen noch warten. Es kommen gleich noch ein paar Leute, die bei der Führung dabei sein wollen!“ Und schon ist sie wieder weg. Ich mache einstweilen einen kleinen Rundgang. Die Kirchenburg besteht aus zwei Höfen. Im ersten, um einen Nussbaum gruppiert, mehrere Gebäude: ein Pfarrhaus, das als Gästehaus dient, ein Bienenhäuschen, ein langgestreckter offener Schuppen für allerlei Gartengerätschaften, eine Art Scheune, die als Veranstaltungsraum genutzt wird und das Wohnhaus von Frau Marias Familie. Durch ein großes Rundbogentor gelangt man dann zum eigentlichen Kirchhof. Zwetschgenbäume, Apfelbäume, die Wiese übersät von Fallobst. Wunderbar süße Zwetschgen! Vor dem Eingang zur Kirche ein Kriegerdenkmal. Dort wird an die Großauer Bürger erinnert, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind, sowie an jene, die nach 1945 in die Sowjetunion deportiert wurden und nicht mehr heimgekommen sind. An der Umrandungsmauer ein Beobachtungsturm, der zur Straße hinaus zeigt und ein Wehrturm, an den ein schmales Haus angebaut ist. „Heimatmuseum“ steht auf einem Schild und dass das einmal die Burgwächterwohnung gewesen ist. Das Schild verweist zu einer Stiege, die zum ersten Stock führt. Droben liebevoll beschriftet: Ausstellungsgegenstände, Schaufensterpuppen mit alten Trachten, Einrichtungsgegenstände aus früherer Zeit, Häkelarbeiten… Da höre ich nach mir rufen. Drunten vor der Kirchentür steht Frau Maria mit einer Reisegruppe. Sie wechselt bei ihren Erklärungen zwischen Rumänisch und Deutsch. „Zu Pestzeiten ist der Pfarrer nicht in die Kirche herüber gekommen, sondern hat nur von der Pestkanzel, einem kleinen Türmchen drüben im Pfarrhof gepredigt. Einer musste ja überleben, um später die Toten christlich zu beerdigen.“ Bevor wir die Kirche betreten, weist sie noch darauf hin, dass es im Gästehaus dreißig Übernachtungsplätze gibt. Und wer gern im Heu schläft – im Bienenhaus haben auch noch zwölf Leute Platz! „Die Gemeinde wurde 1132 gegründet. Ein ungarischer König hat damals die Sachsen ins Land eingeladen und ihnen einen Freiheitsbrief versprochen: Grundstücke, Baumaterial und Steuerfreiheit. Es gibt neben dem Beobachtungsturm und dem Wehrturm auch den Speckturm als Nahrungsreservoir und einen Schulturm, wo die Kinder gelernt haben, wenn Türken oder Tartaren im Ort waren. Der Glockenturm ist mit 75 Metern sogar um drei Meter höher als der von Hermannstadt. Auf dem Glockenturm sind noch vier kleine Türme. Die bedeuten, dass der Kirche die Rechtsprechung zustand, sie konnte sogar Todesurteile aussprechen.“ Die Führung endet im sogenannten Speckturm. Dort gibt es Gelegenheit für die Teil-nehmer, sich mit Salami und Speck einzudecken. Der Erlös dient dem Erhalt der Kirchenburg. Als sich die Gruppe auflöst, bleibe ich noch ein bisschen. Nach so viel Vergangenheit interessiert mich jetzt die Gegenwart. „Wie viele Siebenbürger Sachsen leben denn heute noch in Großau?“ „Bis 1990 lebten noch 3.000 Sachsen und Landler hier. Heute sind es noch 27, die meisten von ihnen sind über achtzig“, sagt Frau Maria. „Landler? Was sind Landler?“ Und schon sind wir wieder in der Vergangenheit. „Mitte des 18. Jahrhunderts wollte Maria Theresia die Habsburger Monarchie ‚katholisch machen‘ und duldete keine Protestanten mehr. Die wurden damals allesamt aus Österreich in die Region um Hermannstadt deportiert. Das war seinerzeit das einzige Gebiet der Monarchie, in der Protestanten toleriert wurden, weil das Gebiet durch die Pest und die Türkenkriege stark entvölkert worden war. Diese Leute haben ihren österreichischen Dialekt behalten und wurden hier ‘die Landler‘ genannt.“ „Und wie haben sich die Sachsen und die Landler vertragen?“ „Im Grunde ganz gut, wenn allerdings ein Landler eine Sächsin geheiratet hat, dann musste die Sächsin die Tracht vom Landler annehmen und in der Kirche in die letzte Bank von den Landlern. Und wenn sich eine Landlerin und ein Sachse zusammengetan haben, bekam die Landlerin die sächsische Tracht und musste in die letzte Bank der Frauen. In der Kirche saßen die Frauen immer in der Mitte, die Männer ringsherum in den Bänken mit den Lehnen. Die Sachsen kamen durch den Haupteingang in die Kirche und die Landler durften nur durch den Hintereingang hinein. Irgendwie gab es auch einen gewissen Neid auf die Landler. ‚Die kommen mit nix und kriegen dann das und das und das…‘ Übrigens: Die Landler sind nach 1990 bei der Abwanderung nicht nach Österreich sondern nach Deutschland gegangen, denn Österreich hat sie nicht genommen, dort gab es kein Gesetz wie in Deutschland.“ Auch die Vorfahren von Andreas Huber, mit dem ich mich in Hermannstadt unterhalten habe, sind Landler. Er ging 1990 als Rumäne nach Deutschland, bekam die deutsche Staatsbürgerschaft und ist heute österreichischer Honorarkonsul in Rumänien. Merkwürdig ist es schon, was einem die Geschichte für verrückte Purzelbäume aufzwingt. Frau Maria erinnert sich noch gut an die Ceaușescu-Zeit. „Früher, wenn Besucher aus Deutschland gekommen sind, haben sie Koffer voller Geschenke gebracht: Schokolade, Kaffee… Viele Leute bei uns hatten den Eindruck, in Deutschland ist alles umsonst. 1990 waren die Grenzen offen. Schnell, schnell, schnell haben sie die Häuser verkauft, das war schlimm. Ich denke, wenn die Leute nur einmal über die Grenze gegangen wären um zu schauen, wie das in Deutschland so ist – vielleicht für zwei, drei Monate – dann hätten sie danach frei entscheiden können, ob sie wirklich weggehen wollen und es wären bestimmt nicht so viele in Deutschland geblieben. Freilich, jetzt sagen sie: ‚Wir haben Kinder und Enkelkinder, wir können nicht mehr zurück.‘ “ Für mich ist das alles ist schwer zu begreifen, es gibt so viele ungeheurere Schicksale, allein, wenn man bedenkt, wie die Leute dieser Region über Jahrhunderte herum geschoben worden sind. Die Mutter von Frau Maria ist nach dem Zweiten Weltkrieg für fünf Jahre nach Russland deportiert worden. Als sie zurückkam, hat sie einen Rumänen geheiratet. „Das war in Großau die erste Ehe zwischen einer Sächsin und einem Rumänen. Dann wollten uns die Sachsen nicht mehr und die Rumänen auch nicht. Das war ein ziemliches Durcheinander in der kommunistischen Zeit, auch mit den Kirchen: Ich bin zum Beispiel getauft bei den Orthodoxen und konfirmiert bei den Sachsen. Wir haben mitten im Dorf gewohnt. Da promenierten die Mädchen am Sonntag auf der Straße und ich stand mit meiner Schwester nur hinter dem Tor. Wir durften nicht mitgehen. Wir waren Mischlinge. Es ist manchmal heute noch so. Da spür ich auf einmal so einen Pfeil…“ „Ich habe gelesen, von den 1970er bis zu den 90er Jahren hat Deutschland Rumäniendeutsche freigekauft. War das für Sie nicht auch interessant?“ „8.000 Mark pro Person hat man dem rumänischen Staat gezahlt. Aber mein Vater war Rumäne, mein Mann war Rumäne. Ich habe gar nicht drüber nachgedacht, ob das für mich eine Möglichkeit gewesen wäre.“ Schon im Gehen erfahre ich von Frau Maria, dass sie in den 90er Jahren ein Vierteljahr am Tegernsee gearbeitet hat. Es war schwer für sie, denn ihre Kinder und ihr Mann waren daheim geblieben.

Leseprobe 3

Christoph Promberger, der Wolfsforscher und Bauernhofbesitzer von Neu-Schenk. Mich zieht es weiter nach Süden in die Berge zu den Bären und Wölfen, hinein in die Welt der Karpaten, die Siebenbürgen über Jahrhunderte schützend umschlossen haben. In Şinca Nouă, deutsch: Neu-Schenk; ungarisch: Újsinka, wartet der BayerwaldIer Christoph Promberger auf mich. Etwa in der Mitte des langgezogenen Orts bleibe ich vor dem Schulhaus stehen. Der Unterricht ist schon lange aus, die Sonne wird gleich untergehen. Ein alter Mann sitzt auf der Bank vor seinem Haus und tut so, als schliefe er. Aber ich weiß genau, dass er mich beobachtet. Ich stell mich neben ihn: „Buna! Guten Tag!“ Dann probier ich ein italienisches Wort aus, manchmal funktioniert das in Rumänien: „Casa! Casa di Promberger!“ Und es springen mir aus lauter Verzweiflung noch bayerische Brocken auf die Zunge. „Casa di Promberger taat i suacha!“ Während ich spreche, deute ich in verschiedene Richtungen, wie ich es immer mache, wenn ich zeigen will, dass ich etwas suche und den Weg wissen will. Er schaut mich mit großen Augen an, zuckt mit den Achseln. Ich versuch es mit dem Vornahmen: „Christoph! Di Germania!“ Jetzt geht ihm ein Licht auf. Christoph! Da, da! Er geht mit mir ein Stück die Straße zurück und deutet auf einen holprigen Weg. Christoph! „Merci mult!“ Das sollte in meinem Kauderwelsch „vielen Dank“ heißen. Hab das bulgarische merci illegal mit dem halben rumänischen mulţumesc vermischt. Christoph Promberger erläutert mir das Konzept seiner Ferienpension: „Wir bieten klassische Reitertouren an, wer gerne reitet, der findet des super hier – ohne Zäune, hier kann man überall hin reiten, wo man will. Wir haben viele Angebote für Familien, vom Streichelzoo hier ums Haus rum, wir haben Hunde, Katzen, Enten, Gänse, Kaninchen, Schweine, Pferde, Ponys, alles was man sich an Haustieren vorstellen kann. Bogenschießen, Wandern, abends kann man zum Bären beobachten in den Wald gehen, das können wir organisieren. Wir bieten auch eine sehr gehobene Küche an, mit Bioprodukten hier aus dem Dorf, aus dem eigenen Garten, von unseren eigenen Tieren, die alle viel Platz haben und frei rumlaufen können. Kurz: Aus dem früheren Reitstall ist ein großer Ferienbetrieb geworden.“ Urlaub gut und schön, aber muss man da gleich mit der ganzen Familie nach Rumänen übersiedeln? Und was ist mit den schulpflichtigen Kindern? Die Rumänen schicken ihre Kinder in deutsche Schulen und die Deutschen, schicken die ihren in eine rumänische Dorfschule. „Naja, unsere Kinder waren dort nur kurz, aber das war nix!“, sagt der Christoph Promberger. „Wir haben die Kinder aus der Schule genommen und unterrichten sie zuhause. Da gibt’s ein deutsches Lerninstitut, das vom deutschen Staat akkreditiert ist und die schicken uns die Schulmaterialien und so können unsere Töchter das daheim machen. Die können zwischendrin in der Pause in den Reitstall runtergehen, sich auf ein Pferd setzen und eine halbe Stunde draußen rumreiten. Das ist natürlich ein traumhaftes Leben für ein Kind und für uns ist es auch super, weil wir nicht an bestimmte Ferienzeiten gebunden sind.“ In der Pension gibt es gemeinsame Essenszeiten. Man kommt miteinander schon beim Frühstück ins Gespräch. Danach geht jeder seiner Wege. Die einen reiten gemeinsam aus, die anderen wandern. Ich mach mich allein auf den Weg. Beim Spazierengehen lerne ich: Das Naturparadies kann ich als Kurzbesucher nur am Rande beanspruchen. Unwegsames Gelände. Vor den kläffenden Hütehunden hat mich der Christoph besonders gewarnt. Mit denen sei nicht zu spaßen, sie seien darauf abgerichtet, die Herden zu verteidigen. Sie sind gefährlicher als die Bären! Dabei sei es ihnen egal, ob die Eindringlinge wilde Tiere oder Menschen sind. Ab und zu verdächtiges Rascheln im Unterholz. Ich stoße auf Kühe, die in aller Ruhe durch den Laubwald streunen und nach Futter suchen. Allmählich lerne ich verschiedene Formen des Raschelns zu unterscheiden: das gemächliche, das sich in gleichbleibendem Tempo fortsetzt oder ein einmaliges kurzes Rascheln oder ein plötzliches Knacken von Ästen und danach Stille… Auch den Kot von Tieren lerne ich zu unterscheiden. Unter einem wilden Apfelbaum liegt verstreut das Fallobst. Daneben, das müsste Bärenlosung sein. Bis heute kannte ich Bärendreck nur aus meiner Kindheit. Wenn wir am Kiosk Lakritzrollen kauften, verlangten wir „um a Zehnerl an Bärendreck!“ Fällt einem sowas ein, wenn man Angst hat? Zur Ablenkung? „Ruhig bleiben, wenn ein Bär auftaucht“, hat der Christoph gesagt. Ich bleibe also ruhig. Ganz wohl ist mir dabei nicht. Abends sitzen wir im Garten und sprechen über die großen Probleme der Karpaten. Wir befinden uns ja nicht in einem Paradies. Was Christoph am meisten Sorgen macht, ist der Raubbau in den Karpatenwäldern. Die Kahlschläge in den Karpaten haben massiv zugenommen, insbesondere auf der Südseite, wo tausende von Kubikmetern geschlagen worden sind, einfach weil dafür zurzeit ein Markt vorhanden ist. Drei große Unternehmen aus Österreich tun sich dabei hervor. Eines davon ist die Firma Schweighofer, die zurzeit ganz massiv in der Kritik steht. Man konnte nachweisen, dass sie illegal geschlagenes Holz aus den Nationalparken gekauft und sogar Prämien dafür gezahlt hat. Christoph Promberger ist ziemlich gut informiert. Er beobachtet die Szene genau. „Schweighofer hat inzwischen eine ganze Reihe von großen Sägewerken. Die haben eine Kapazität von über vier Millionen Kubikmeter, die sie pro Jahr einschlagen können. Dann gibt’s noch zwei andere, Eger und Kronospan, die auch stark am Expandieren sind. Diese drei Firmen teilen sich fast komplett den rumänischen Wald auf und haben natürlich auch einen ganz gewaltigen Druck auf diese Wälder ausgeübt. Vor zehn, fünfzehn Jahren waren hier nur kleine Sägewerke, die lokal operiert haben. Die hatten gar nicht die Möglichkeit, einen so großen Kahlschlag zu verarbeiten und hatten auch kein Interesse dran, weil sie ja in 20 Jahren auch noch leben wollten. Aber so ein großes Sägewerk holt sich das Holz aus 200 oder 500 Kilometern Entfernung, wenn es in der nächsten Umgebung keines mehr gibt. Das ist momentan wirklich ein großes ökologisches Problem. In der Folge sind in Rumänien große Holzfabriken entstanden, weil die Arbeitskräfte billig sind und vor allem, weil die Ressource da ist.“ Christoph Promberger spricht schneller. Ich spüre, die Machenschaften in Rumänien gehen ihm durch und durch. Er kennt diese Gegend sei Anfang der 1993, als er im Rahmen eines Wolfsprojektes zum ersten Mal hier her gekommen ist. Er weiß also, wovon er spricht. „Dieses Holz ist fast ausschließlich für den Export bestimmt. Der Großteil geht nach Japan. Die Firma Kronospan hat sogar einen eigenen Hafen in Constanţa, wo das Holz dann fast ausschließlich nach Asien geht. Schweighofer macht in erster Linie Sägeholz, sie produzieren Bretter und Balken. Kronospan macht sehr viele Spanplatten und diese MSD-Platten, die dann am Bau verwendet werden.“ „Also, es geht darum, Holz zu ernten auf Teufel-komm-raus. Was geschieht mit den Wildtieren?“ „Das alles ist nicht nur ein Angriff auf die charismatischen Tiere, wie Wölfe, Bären, Luchse, die großen Gämsen und die Hirsche, sondern es ist auch ein ganz massiver Eingriff für die ganzen kleinen Welten der Insekten, der Pilze. Das ganze Ökosystem leidet natürlich massiv darunter. Wenn ein Wald, der an die 150 Jahre alt ist, kahlgeschlagen wird, wenn die Sonne auf die Hänge brennt und die großen Traktoren Spuren in diesen Hang hineingeschnitten haben, wird beim nächsten Starkregen alles ausgewaschen und es entstehen Erosionsrinnen, die zum Teil drei, vier Meter tief sind. Das ist eine brutale Zerstörung von diesem unglaublich schönen Ökosystem. Diese Firmen kaufen die Waldflächen nicht, das wäre ihnen viel zu teuer, sie kaufen nur die Holzmasse. Sie sagen zwar, dass sie Kontrollsysteme haben um sicherzustellen, dass das nicht illegal geschlagenes Holz ist, aber es gibt eine Reihe von Naturschutzorganisationen, die nachweisen konnten, dass sie sehr wohl illegal geschlagenes Holz kaufen. Das hat viel mit Korruption zu tun. Da wird die Forstaufsichtsbehörde entsprechend bedacht, dass die nicht vorbeikommen und woanders hinschauen… Und das ganze Holz geht dann innerhalb eines Sommers komplett in die großen Sägewerke. Hinterher sind die Wälder verschwunden und keiner weiß offiziell, was da passiert ist.“ „Die rumänische Regierung hat nach der Revolution ein Gesetz erlassen, dass alle Wälder, die zur kommunistischen Zeit verstaatlicht worden sind, wieder an die Leute zurückgegeben werden müssen. Dabei geht es um relativ kleine Grundstücke. Wie kommt es dann zu diesen großen Kahlschlägen?“ „Die Erben haben zu den paar Hektar Wald ihrer Vorfahren keinen Bezug mehr. Die wollen das Ganze lieber „cash“ haben. Die verkaufen das Holzrecht ‚tutti completti‘.“ „Gibt es denn niemanden, der dagegen etwas unternimmt?“ „Das war 2005, da haben wir uns überlegt, was man da machen kann. Wir haben ja ganz in der Nähe den Königstein-Nationalpark, sogar dort wurden die Flächen wieder an die Privatleute zurückgegeben und im Nationalpark ging es dann mit den Kahlschlägen los. Völlig illegal, aber die Nationalparkverwaltung konnte nichts dagegen tun, weil die Justiz jegliche gesetzliche Verfolgung abgeblockt hat. Wir haben diesen Nationalpark sehr unterstützt zu der Zeit, als wir unser Forschungs- und Schutzprojekt über Großtiere hatten, und von da her hat es uns natürlich besonders weh getan, zu sehen, wie das Gebiet vor die Hunde geht. Wir haben dann zufällig eine Schweizer Familie gefunden, die sehr begütert ist und die im Naturschutz sehr aktiv ist. Die haben gesagt, dass sie bereit sind uns zu helfen, indem man die Flächen, die an die Privatleute zurückgegeben werden, einfach aufkauft. Die Leute wollten ja nur das Geld haben, denen war egal, ob ihr Grund an die Holzfirma geht oder an eine Naturschutzorganisation. Wir haben eine Stiftung gegründet und über sie inzwischen insgesamt 16.000 Hektar aufgekauft. Das ist eine Fläche, die fast so groß ist wie der Nationalpark „Bayerischer Wald“. Und wir wollen noch mehr kaufen mit dem Hintergedanken, einen sehr, sehr großen Nationalpark zu schaffen, der eine überregionale Bedeutung hat und im Prinzip so etwas wie ein europäisches Yellowstone werden kann.“ Heutzutage geht es nicht mehr um die Austreibung aus dem Paradies, sondern um die Zerstörung des Paradieses. Christoph Promberger steht in Kontakt mit Prinz Charles, der in Rumänien Anwesen gekauft und renoviert hat. Er bietet, ähnlich wie die Prombergers, Gästezimmer an, Öko-Ferien für Exkursionen zu Pferd oder Kutsche, für Wanderungen durch Wildblumengebiete oder zum Bärenbeobachten. Dabei geht es immer vor allem darum, das Gespür für ein Leben im Einklang mit der Natur zu entwickeln. „Was unternehmen denn die Naturschutzverbände in Rumänien?“ „Allmählich gibt es ein paar Naturschutzorganisationen, die professioneller werden und gute Arbeit machen. In den letzten zehn Jahren hat sich da viel getan. Es geht ja nicht nur um die Holzmafia. Die ganze gut gemeinte Förderung von Seiten der EU ist im Prinzip ein Desaster für die Natur. Da gibt es Gelder für Regionalentwicklung. Die Straße hier herauf soll jetzt mit EU-Geldern asphaltiert werden. Der Bürgermeister freut sich natürlich, denn in der Regel ist es so, dass bei solchen Projekten der Bürgermeister einen gewissen Anteil abkriegt. Das ist hier ein ungeschriebenes Gesetz, das verlangen die Bürgermeister und die Baufirmen zahlen das. Am Ende haben wir jede Menge Asphaltstraßen, die kein Mensch braucht. Hier fahren ja nur Traktoren, die brauchen keine Asphaltstraße, die noch dazu schlecht gebaut wird, weil die Baufirma, die den Auftrag ausführt, nur abkassieren will. Was hier so schön ist, ist ja, dass in der Früh und abends die Kühe entlang marschieren, und die Wasserbüffel und die Pferdefuhrwerke, da braucht es keine Teerstraße. Die sollen eine gute Schotterstraße bauen, da hab ich überhaupt nichts dagegen. Ein brauchbares Konzept, das für den regionalen Raum notwendig wäre, haben die Leute hierzulande nicht, die Politiker sowieso nicht, denn da geht’s nur um Investitionen und Entwicklung. Das ist alles total hirnlos.“